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Der Brünner Todesmarsch – das Ende einer Ära

"Todesmarsch" ? Was war das, wann war das? Kann sich noch jemand nach mehr als einem halben Jahrhundert daran erinnern ? Zwar war es ein recht einschneidendes Ereignis, zumal für die Betroffenen, aber sicher nicht von so historischem Interesse wie zum Beispiel die Schlacht bei Austerlitz, von der man ja wohl in der Schule gehört hat.

Vom Todesmarsch der Brünner Deutschen hörte man kaum etwas. In Brünn ohnehin nicht, denn dort wurde in den tschechischen Schulen und in den meisten Familien eisern darüber geschwiegen. Und die Teilnehmer, die Augenzeugen ? Sie schwiegen lange, um von all den schrecklichen Eindrücken und Erinnerungen, glücklich verdrängt, nicht erneut heimgesucht zu werden.

Und "Ende einer Ära" ? Ja welcher Ära, wann begann sie, die dann 1945 endete ?

Wir haben in dem Kapitel Deutsche und Tschechen auf die wechselnden Probleme hingewiesen, die sich, beginnend etwa ab 1850, zwischen den beiden Nationalitäten aufbauten. Dort nachzulesen erspart hier weitere Erörterung. Jedenfalls lehnten sich die Tschechen zunehmend gegen die deutsche (d.h. österreichische) Dominanz in der Stadt auf, obwohl objektive Geschichtsbetrachtung heute zugibt, daß die Stadt - seit 1900 mit mehr als 100000 Einwohnern offiziell Großstadt - unter der Führung von deutschen Bürgermeistern enorm vorrangebracht wurde. Über diese erfolgreiche Verwaltungspolitik mehr in 
Die deutschen Bürgermeister Brünns

Versetzen wir uns in das Jahr 1944. Die jahrelange Idylle, das „Unberührtsein vom Kriege“, das dem Protektorat Böhmen und Mähren beschieden war, erwies sich als trügerisch. Das Ende kam abrupt im August, als schwere Luftangriffe der Stadt zuzusetzen begannen, Todesopfer forderten und große Gebäudeschäden verursachten. 1945 wurde glasklar, daß sich der 2. Weltkrieg seinem Ende nähert. Der Zusammenbruch des sogenannten „Dritten Reiches“ ist abzusehen. Die alliierten Heere stehen auf deutschem Boden, im Frühjahr nähert sich die russische Front Brünn.

Die Tschechen fürchteten Zerstörungen in der Stadt durch die näher kommende Front. Die Deutschen fürchteten sich zusätzlich noch vor den Greueltaten, wie sie von der vorrückenden Roten Armee erzählt wurden. Und manche klammerten sich als letzte Hoffnung an die Anwesenheit des deutschen Militärs, weil sie darin einen Schutz für sich und ihre Existenz sahen. Aber es gab auch welche, die sich fragten, ob und wie man als Deutscher nach dem Krieg in Brünn werde leben können.

Auch das Schicksal der Brünner Juden, ob der Kriegsbeschwernisse in den Hintergrund getreten, kam wieder ins Gedächtnis. Als sie von den Reichsdeutschen verfolgt und mit Gewalt aus der Stadt verbracht wurden, da schauten die meisten weg. Aber bei so manchem tauchte auch die bange Frage auf: Kann dies alles nicht auf uns zurückfallen? Verständlich, daß man sich nun, anfangs 1945 immer häufiger fragte, was wird aus uns werden? Werden wir die Rache der Sieger zu spüren bekommen? 

Das Leben in der Stadt lief zunächst wie gewohnt weiter, die Straßenbahnen fuhren, die Kinos spielten, die Züge brachten regelmäßig die Arbeiter in die Stadt, die Industrie arbeitete voll. Nachts aber verbreitete sich eine gespenstische Stille in und über der Stadt. Die Straßen waren menschenleer, das strenge Verdunkelungsgebot tat ein Zusätzliches. 

In der Stadt war immer weniger deutsch zu hören. Da tschechische Volksangehörige ausreichend als Arbeitskräfte verfügbar gewesen waren, wurden in Brünn viel weniger Deutsche vom Wehrdienst freigestellt als anderswo. Die meisten deutschen Männer waren Soldaten und daher abwesend. Zurückgebliebene, die sich parteipolitisch exponiert hatten, verließen mit ihren Familien die Stadt. Viele Bürger aber wollten nur den Kriegshandlungen ausweichen und setzten sich "vorübergehend" nach Nordmähren ab mit der Absicht, später wieder zurückzukehren.

Frauen, die Verwandte in den sudetendeutschen Randgebieten hatten, verließen mit ihren Kindern als Vorsichtsmaßnahme vor möglichen Kriegseinwirkungen die Stadt.

Viele Deutsche aber blieben in Brünn. Sie sagten sich: Ich bin hier geboren, ich habe niemandem etwas getan, was soll mir geschehen? Das war oft zu hören. Eine Einstellung, welche die meisten schon kurz danach bitter bereuen sollten. Niemand ahnte, in welcher Gefahr die Deutschen damals schwebten. Da das Abhören sogenannter "Feindsender" strengstens verboten war, hörten nur wenige die haßerfüllten Tiraden Eduard Beneschs gegen alles Deutsche. Wer diese Sender dennoch abhörte, wagte mit niemandem darüber zu sprechen.

Der Frühling kam früh und war sehr schön. Die grünen Lungen Brünns, Spielberg, Augarten und der Franzensberg (Petersberg), sowie die Umgebung der Stadt waren voll begrünt. In den Gärten regte sich das Leben. Ein wunderschönes Osterfest erlebten die Verbliebenen am 1.und 2. April. Niemand konnte ahnen, daß es für die meisten das letzte Ostern in der Heimat sein sollte. Am Ostermontag waren sogar noch Ausflügler unterwegs.

In den Betrieben kam es allmählich zu Materialengpässen. Die Arbeitszeiten wurden leicht gekürzt. Fliegeralarm, der oft erst nach dem Bombenangriff der russischen Flugzeuge gegeben wurde, weil die Anflugstrecken so kurz geworden waren, bewies die näherrückende Front. Luftangriffe erfolgten am 8. und 12. April, und sie mehrten sich. 

Nach dem 12. April erschienen die tschechischen Arbeiter überwiegend nicht mehr zur Arbeit. Die Betriebe ruhten weitgehend. Stille breitete sich in der Stadt aus. Nur Militärfahrzeuge waren zu sehen. Die Straßenbahnen fuhren noch, bis auch sie den Betrieb einstellten.

Am 16. April war praktisch den ganzen Tag Fliegeralarm. Am 18. April verließen die letzten beiden Sonderzüge mit Deutschen, die vor der Front flüchten wollten, die Stadt.

Oberbürgermeister Felix Judex und Landesvizepräsident Dr. Schwabe hatten bei der deutschen Wehrmachtsführung erreicht, daß die "Festung Brünn" zur offenen Stadt erklärt wurde. Ein Einsatz, der ihnen nach dem Krieg nicht gelohnt und nicht gedankt wurde. Dr.Schwabe wurde öffentlich gehenkt, Judex starb nach langer Kerkerhaft 1953 in Brünn. 

Die Rote Armee eroberte am 26. April 1945 Brünn. Sie wurde von den Tschechen als Befreier begrüßt. Aber auch jetzt ahnten die in Brünn verbliebenen Deutschen nicht, daß das Ende des deutschen Teiles Brünns gekommen war. Die meisten dachten, Tschechen und Deutsche würden nach dem Krieg wieder miteinander leben, so wie vor dem Krieg.

Schließlich war dies jahrhundertelang der Fall gewesen. Sie lebten nicht immer miteinander, oft auch nebeneinander, selbst gegeneinander, aber sie konnten sich immer wieder arrangieren. Viele waren durch Heirat miteinander verbunden. In den Familien wurde vielfach deutsch und tschechisch gesprochen. Die Brünner beherrschten beide Sprachen, oft perfekt oder konnten sich zumindest verständigen.

So heißt es in dem tschechischen Büchlein "Brněnský Pitaval ” von Dušan Uhlíř:


"Tschechen und Deutsche lebten hier ganze Jahrhunderte nebeneinander, und selbst die Sprachbarriere trennte sie nicht übermäßig. Die Brünner städtische Kultur war zweisprachig. In der Mehrzahl der Brünner Haushalte wurde tschechisch und deutsch gesprochen. Das gesprochene "Brünnerisch" war ein wundersames Gemisch beider Zungen".

Dies sollte nun alles vorbei sein. Was die reichsdeutsche Besatzungsmacht und die Gestapo Tschechen angetan hatte, wurde nun den Brünner Deutschen zur Last gelegt. Daß das nationalsozialistische Regime gegen Deutsche, die während des Krieges Widerstand leisteten, genau so rücksichtslos verfuhr wie gegen Angehörige anderer Völker, das ließ die Tschechen unberührt. Eine systematische Hetze sorgte dafür, daß sich der ganze Haß gegen die verbliebenen Deutschen richtete, die praktisch vogelfrei und schutzlos der Rache ausgeliefert waren. Deutsche wurden jetzt verfolgt, unabhängig davon, ob sie nun Nationalsozialisten gewesen waren oder nicht, ob sie sich etwas hatten zuschulden kommen lassen oder nicht. Es genügte allein, Deutscher zu sein.

Die Reden Beneschs und seiner Gefolgsleute waren keine Aufforderung zur Aburteilung von Schuldigen, sondern Aufrufe zur kollektiven "Liquidierung aller Deutschen". So führte diese Aufwiegelung zu grauenvollen und haßerfüllten Exzessen an den Deutschen. Vergewaltigungen, Prügeleien, Mißhandlungen fanden statt, während sich auf den Straßen Brünns Verbrüderungsszenen zwischen Tschechen und einziehenden Rotarmisten abspielten. In Brünn und Umgebung wurden Internierungslager für Deutsche eingerichtet, die dort vielfach grauenvollen Mißhandlungen und sadistischen Quälereien, die oft zum Tode führten, ausgesetzt waren. Ärztliche Hilfe wurde Deutschen meist verweigert.

Trauriger Schlußpunkt war dann der Fronleichnamstag, der 30. Mai 1945, als die noch in Brünn verbliebenen Deutschen aus ihrer Heimatstadt vertrieben wurden. Es waren etwa 25000 bis 30000 Frauen, Kinder und Greise.


Dieser "Brünner Todesmarsch" war eine sogenannte "Wilde Vertreibung". Die Beschlüsse der Siegermächte vom August 1945 in Potsdam sollten solche beenden. Der sogenannten "Geordneten Aussiedlung" wurde zugestimmt.

Für das, was sich am Fronleichnamstag und den anschließenden Wochen in Brünn, im südmährischen Pohrlitz und auf dem Wege zur österreichischen Grenze abspielte, wurde später, besonders im jugoslawischen Kriege, der Ausdruck "Ethnische Säuberung" geprägt. Dabei verbirgt sich hinter diesem eher harmlos klingenden Ausdruck ein Verstoß gegen jede Art von Menschlichkeit, ein Verbrechen gegen die Menschheit, ein Völkermord; und dem haben die Alliierten in Potsdam zugestimmt.

Ethnisch klingt ähnlich wie ethisch, hat aber mit Ethik gar nichts zu tun, eher mit einem Rückfall ins graue Altertum. Schon der Ausdruck "Säuberung" strotzt vor Menschenverachtung, so als müsse man sich von Ungeziefer befreien. Das Ziel, "ethnisch reine" Gebiete herzustellen, ist nichts anderes, als der Ausfluß eines maßlosen, verderblichen, für die Europäische Union längst überholten, übersteigerten Nationalismus und das Fehlen jeglicher Toleranz.

Die ganze Tragik des Todesmarsches darzustellen, ist hier nicht möglich. Es gibt aber dazu ein umfangreiches, gut recherchiertes und aufgrund zahlreicher Dokumente unangreifbares Buch. Zu finden ist die Inhaltsbeschreibung im Abschnitt „Bücher“. Nur soviel sei hier gesagt:

  • Daß Teile des tschechischen Volkes unter der Nazi-Besatzung leiden mußte, ist unbestritten. Verursacher waren aber überwiegend die SS und die Gestapo, aus dem Reichsgebiet importierte "Herrenmenschen", ohne Einfühlungsvermögen in die Befindlichkeit (und Empfindlichkeit) des tschechischen Volkes, und ohne Rücksicht auf die als Demütigung empfundene Überstülpung eines "Reichsprotektorates". Diese bestimmten auch den Kurs und regelten die Zuständigkeiten der pro forma selbständigen tschechischen Verwaltung und Behörden. Der Anteil der ansässigen Brünner Deutschen, oft schon seit Generationen ansässig, daran war gering. Aber, auch das sei klar ausgesprochen, der Anteil an Leid erreichte für die tschechische Bevölkerung nie das Ausmaß, das die Nachkriegspropaganda glauben machen will. Alle Tschechen, wenn sie sich nicht den reichsdeutschen Anordnungen widersetzten, lebten während der Kriegsjahre, im Vergleich zum übrigen Europa, auf einer "Insel der Glückseligkeit".
    Es gab also keine objektiven Gründe zu den haßerfüllten Ausschreitungen gegen schutzlose
    Frauen, Kinder und Greise, – arbeitsfähige Männer waren bereits interniert worden –, die sich bei Kriegsende noch in Brünn befanden.

  • Bestimmend war die klare Absicht der tschechischen Exilregierung, die Gunst der Stunde zu nutzen, und die Deutschen (gerne als Kolonisten bezeichnet) ein für alle mal los zu werden.
    Benesch erkaufte sich Stalins Zustimmung zur "Entfernung der Sudetendeutschen" teuer, nämlich mit der Zustimmung, Distrikts- und Gemeindeverwaltungen durch sogenannte "Nationalausschüsse" zu ersetzen. Über diese gelangten die Kommunisten später unblutig an die Macht.
    Wäre das tschechische Volk nicht systematisch aufgehetzt worden, wobei sich besonders Präsident Benesch hervortat, aber auch Mitarbeiter seiner Umgebung, hätten alle Exzesse vermieden werden können.

  • Diese begannen am Vorabend der Fronleichnamstages 1945, als sich binnen weniger Stunden alle Deutschen, darunter manchmal auch Tschechen, bloß weil sie einen deutsch klingenden Namen hatten, auch Juden, auch Menschen mit einer anderen Staatsbürgerschaft, an verschiedenen Stellen der Stadt versammeln mußten. Mitnehmen durften sie nur, was sie tragen konnten. Im Morgengrauen des Fronleichnamstages begann der erbarmungslose Marsch dieser nach Tausenden zählenden Menge, ohne Verpflegung, ohne Wasser, ohne ärztliche Betreuung und ohne Raststätte in Richtung österreichische Grenze. Wie die Zeugenaussagen belegen, kamen auf diesem Marsch viele Menschen um, "verreckten" erschöpft im Straßengraben, wenn sie nicht ein Gnadenschuß erlöste oder sie auf andere Weise "erledigt" wurden.

  • Das große Sterben begann dann innerhalb der Gemarkung des südmährischen Pohrlitz, einer kleinen Gemeinde, die dadurch völlig unvorbereitet und unschuldig das Odium der Unmenschlichkeit ertragen mußte. Es war hauptsächlich die Ruhr, der die Menschen, durch die Strapazen des Marsches und durch Hunger ausgemergelt, erlagen. Auf dem weiteren Wege zur Grenze starben weitere Hunderte, auf österreichischem Boden allein über 1000.

  • Damit war die Ära deutscher schöpferischer Leistungen und des deutschen Beitrages zur Stadtentwicklung in wirtschaftlicher, kultureller, städtebaulicher und künstlerischen Hinsicht zu Ende. Vielleicht aber werden auch die Tschechen eines Tages die vielfachen Leistungen, die Brünn seinen Deutschen verdankt, nicht mehr übersehen, vielleicht sogar anerkennen.
    Und deshalb strecken die Deutschen aus Brünn auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, weiterhin unverzagt die Hand zur Versöhnung aus; denn Haß darf nicht immer wieder neuen Haß hervorrufen. Tschechen und Deutsche müssen in Nachbarschaft leben. Sie sollten sich deshalb um ein gutes Einvernehmen bemühen. Das wird sich letztlich segensreich für beide Völker auswirken. Sicher gehört dazu bei den Tschechen noch etwas, was bisher verdrängt wurde: Das Aufarbeiten der eigenen Geschichte, die nüchterne Abwägung des Anteiles eigener Schuld, all dessen also, was die Deutschen schon hinter sich haben.

Wir sind zuversichtlich, daß unsere ausgestreckte Hand eines Tages nicht mehr zurückgewiesen wird, wie dies heute leider bei den politischen Machthabern immer noch der Fall ist.

Wir, die Deutschen aus Brünn, sind zu Verständigung bereit.

Dies ist der 850016. Aufruf dieser Seiten seit dem 01.02.2001.
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